Spontane Fahrt an die fast arktische Ostseeküste

03.02.2026 Ahlbeck – Bansin – Benz – Usedom – Anklam (67 km)

Wir haben in diesem Jahr wirklich einen Winter, der seinem Namen alle Ehre macht. In Berlin hatte sich diese frostige Wetterlage schon mit Beginn des neuen Jahres eingestellt (siehe Reportage vom Januar) und bis auf wenige Tage mit Tauwetter bis heute gehalten, gerade wird die Stadt erneut von starkem Frost mit Nachtemperaturen bis in den zweistelligen Minusbereich beherrscht. Trotzdem habe ich hartnäckig mein Rad für den Weg zur Arbeit benutzt, wenn auch verkürzt (für eine Hälfte nehme die S-Bahn). Die Radwege in der Stadt sind teilweise spiegelglatt und kreuzgefährlich, so dass ich besonders achtsam und entsprechend langsamer unterwegs bin.

Ich bin also gefühlt vertraut mit den Verhältnissen und bereit für eine weitere Ferntour bei diesen extremen Bedingungen. Dafür habe ich mir den heutigen Dienstag ausgewählt, wo ich mir mit der gefrorenen Ostsee ein besonderes Naturereignis anschauen und fotografieren wollte. An der Küste ist das Wetter noch einmal frostiger und windiger, weshalb ich mir spektakuläre Motive an der See erhoffte. Solche Bilder hatte ich zuletzt im Jahr 2010 in Zinnowitz erleben dürfen.

Erstarrtes Meer an der Ahlbecker Seebrücke

So machte ich ich mich nach freundlichen Wetterprognosen für diesen Tag spontan auf die Reise zur Insel Usedom, was Dank des Deutschlandtickets problemlos möglich ist. Lediglich für das Rad benötigt man eine Zusatzkarte. Das Seebad Ahlbeck, eines der berühmten Drei Kaiserbäder, erreichte ich gegen 9:30 Uhr bei
-9 °C  (gefühlte Temperatur -17 °C), eisigem Ostwind aber strahlendem Sonnenschein. Ich war entsprechend dick „eingepackt“ und fühlte mich gerüstet für den Winter an der See. Nach einer Kaffeepause radelte ich sofort hinunter zum Strand.

Ahlbeck
Gefrorene Eisschollen auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke
Blick aus dem Eismeer auf mein Rad und den Strand in Ahlbeck
Ahlbeck
Wie verzaubert…, Eiswellen unweit der Ahlbecker Seebrücke

Von dort wollte ich am Strand über Heringsdorf bis nach Bansin radeln, um alle drei Seebrücken bei diesen  besonderen Verhältnissen zu sehen. Doch die Bedingungen am Strand waren äußerst gefährlich, alles spiegelglatt, kaum mal Sand und wenig Schnee. Also äußerste Vorsicht war geboten. Einen weiteren Radfahrer traf ich dort natürlich nicht, nur erstaunte Blicke und nette Begegnungen. Langsam radelte ich auf die Heringsdorfer Seebrücke zu, es war fast wie Segeln, der straffe Wind trieb mich ohne Mühe in diese Richtung. Unterwegs musste ich immer wieder hinaus auf das Eismeer (natürlich zu Fuß), in die gefrorene Welt, weil es so unglaublich schön war.

Heringsdorf
Bizarres Eisfeld mit hochgedrückten Schollen und glattgeschliffenen Eisklumpen (am Horizont die Seebrücke in Heringsdorf)
Heringsdorf
Die Ostsee ist dort zu einem Haufen Eisklumpen erstarrt

Der Strand und das Eis darauf blieben dennoch ein fast unkalkulierbares Risiko, so lag ich bei meinen Ausflügen zu Fuß schon bald ein erstes Mal auf dem Eis. Vor der Heringsdorfer Seebrücke passierte dann doch das, was ich unbedingt vermeiden wollte, als ich schneller als ich regieren konnte, mit dem Rad auf dem vereisten Strand lag. Ich war wirklich sehr langsam unterwegs, trotzdem tat es diesmal richtig weh. Wahrscheinlich eine Rippenprellung, welche mich den ganzen Tag beeinträchtigte.

An der Seebrücke Heringsdorf
Heringsdorf
Spaziergang auf dem Meer zwischen den Resten der ersten Seebrücke
Heringsdorf
„Eispilze“ sind dort aus dem Meer gewachsen

So ein Pech, aber weiter ging es auf dem Rad oder schiebend, nur noch achtsamer! An der Seebrücke Heringsdorf angekommen, begab ich mich so wie viele Spaziergänger, auf die Brücke und ging hinaus bis zum Pavillon am Brückenkopf. Dort bot sich ein phantastischer Panoramablick über die Eiswelt. Auch in Richtung Bansin musste ich immer wieder in die gefrorene Pracht hinein klettern, was für ein Tag… . In unserem Lieblingsseebad kam ich dann gegen 12:00 Uhr an und verabschiedete mich nach weiteren tollen Eindrücken hier von der Ostsee.

Heringsdorf
Strandweg mit vereistem Strandhafer auf der Düne
Bansin
Wieder eine andere Form von Eiswellen, hier in Bögen (am Horizont die Bansiner Seebrücke)
Bansin
Strand vor den historischen hölzernen Villen aus der Gründungszeit des Seebades Bansin
Bansin
Buhnen mit Eishäubchen vor riesiger Scholle und Eiswellen

Nun begann der zweite, sportliche, Teil des Tages meiner Nordtour. Ich fuhr von Bansin quer durch die ruhige Inselmitte bis zum Peenestrom und über die Zecheriner Brücke auf dem Festland weiter bis zum Ziel Anklam. Die schmerzenden Rippe schränkte mich ein wenig ein, aber ich hatte trotzdem Freude in der Wintersonne durch die stillen Dörfer im Hinterland der Seebäder zu radeln. Hier nutzte ich die wenig befahrenen Landstraßen, welche auch problemlos zu fahren waren, zunächst auf dem Feininger-Radweg über Benz, Neppermin, Balm und Suckow bis zur namensgebenden Stadt Usedom. In Neppermin machte ich am Ufer des Achterwassers (nun an der Binnenseite der Insel) noch einen Stopp, gönnte mir einen Glühwein (mein Wasser war unterwegs eingefroren!) und Fischbrötchen. Auch hier gab es schöne Fotomotive der winterlichen Landschaft.

Usedom
Hügeliges Usedomer Hinterland bei Sallenthin mit Gothensee
Usedom
Typisch für die reetgedeckten Häuser sind die, wie Orgelpfeifen nebeneinander hängenden, Eiszapfen
Usedom
Blick vom Strand in Neppermin über das Achterwasser in Richtung Balm

Ab der Kleinstadt Usedom fuhr ich auf dem Berlin-Usedom-Radweg weiter bis zum Ziel. Dabei kam ich an dem Fragment der einst so wichtigen Hubbrücke Karnin vorbei, welche 1945 von der Wehrmacht zerstört wurde. Diese Eisenbahnbrücke war seit 1933 die schnellste Verbindung von Berlin auf die Insel. Doch leider gibt es trotz vielen Plänen bisher keine Ambitionen diese Strecke zu reaktivieren. Bahnreisende müssen weiter den zeitraubenden Weg über Züssow nehmen, so wie ich auch heute.

Wahrzeichen der Kleinstadt Usedom ist das Anklamer Tor, links die Marienkirche
Usedom
Mittelteil der Hubbrücke Karnin im Eis des Stettiner Haffs
Usedom
Blick von der Zecheriner Brücke über den Peenestrom zurück zur Insel Usedom

Dort an der Brücke machte ich noch eine kurze Essens- und Fotopause, bevor ich in den letzten Abschnitt startete. Inzwischen war es trotz der Abendsonne bitterkalt am Peenestrom, der Wind schmerzte im Gesicht und ich wollte nur noch schnell die letzten 20 Kilometer möglichst noch im Sonnenlicht zurücklegen. Das wurde dann auch noch mal ein Kampf, als der beschilderte Radweg plötzlich durch einen völlig vereisten Waldweg führte. Das brauchte ich nun gar nicht, entschied mich dagegen und wählte die viel befahrene Bundesstraße, was beileibe kein Spaß ist und auch nicht ungefährlich. Die Autos rasen und lärmen mit bis zu 100 km/h an einem vorbei und machten mir Angst. Doch auch dieses ca. 5 km lange Stück überstand ich und konnte die letzten Kilometer bis Anklam auf einem geräumten, straßenbegleitenden Radweg entspannen. Die Peenebrücke und damit den Eingang in die Stadt erreichte ich durchgefroren wirklich mit den letzten Sonnenstrahlen.

Anklam
Einfahrt über die hölzerne Peene-Tor-Brücke (links) nach Anklam, Panorama mit Peene und den drei Stadtkirchen der Altstadt
Anklam
Hafen mit Silo und Speicher in Anklam

Was für ein abenteuerlicher Tag an der Küste, der kommt in die Kategorie „Unvergesslich“! Inzwischen bin ich auf der Heimreise kurz vor Eberswalde. Mein Dank geht heute an die vielgescholtene Bahn, da meine An-und besonders die Abreise samt Umstiegen geklappt hat. Das war bei diesem Temperaturen wirklich ein Segen.

Nachtrag vom 04.02.: In der Nacht und am Morgen wurden meine Schmerzen auf Grund des Sturzes so stark, das ich mich nur unter Aufbietung aller Willenskraft aus dem Bett hinausquälen konnte. Glücklicherweise war meine liebe Elke an diesem Tag zu Hause und sie rief in ihrer Not den Rettungswagen. Im nahen Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg verbrachten wir dann die nächsten sechs Stunden in der Rettungsstelle. Da war natürlich Hochbetrieb und einen verunglückten Abenteurer brauchten die dort am Allerwenigsten. Ich bekam dann aber glücklicherweise, den schon gleich von mir nach dem Sturz geahnten Befund einer Rippenprellung. Nichts gebrochen keine Organe verletzt, das die versöhnliche Nachricht, nur mit den Schmerzen muss ich eine Weile leben. Weshalb die nächste Abenteuertour wohl erstmal warten muss. Hiermit bedanke ich mich bei den netten Rettungssanitätern und dem Personal der Rettungsstelle noch einmal ganz herzlich, hoffe aber nicht so bald wieder dort liegen zu müssen.

Erstaunlich, das ich nach dem Sturz noch 60 Kilometer zurückgelegt habe, da spielt wohl auch der Adrenalinspiegel eine entscheidende Rolle.