27.02.2026 Kufstein – Rosenheim – Wasserburg am Inn (85 km)
Die Schmerzen nach dem Sturz am vereisten Ostseestrand sind endlich am Abklingen, deshalb wage ich mich heute nach über 3 Wochen Pause in ein neues Abenteuer. Das Radfahren hatte ich schon nach wenigen Tagen auf dem täglichen Arbeitsweg (trotz der weiter erschwerten Bedingungen mit Schnee und Glätte) wieder aufgenommen und denke nun endlich wieder fit genug für einen Abenteuertag zu sein.
Petrus hat den Schalter ganz plötzlich auf Frühling umgelegt, seit dieser Woche gibt es einen warmen Luftstrom aus Südwesten und der Winter scheint mit einem fast unglaublichen Temperatursprung in den zweistelligen Plusbereich, zumindest vorerst, besiegt. Dazu strahlt die Sonne, nur die Nächte sind noch recht kalt. Dieses Vorfrühlingswetter will ich für eine Fahrt an den Inn nutzen. Ich hoffe auf gute Bedingungen und eine tolle Bergkulisse im Tiroler und Bayerischem Voralpenland.

Für diese weite Anreise nutzte ich den gestrigen Nachtzug 23:37 Uhr ab Südkreuz nach München, dadurch war ich heute morgen schon um 9:00 Uhr am Startort. Kufstein empfing mich mit strahlendem Sonnenschein und sehr angenehmen Temperaturen, was für eine Freude! Das sollte den ganzen Tag am Inn-Radweg so bleiben, dazu bei wunderbarer Fernsicht.

Ich kam pünktlich und sogar einigermaßen ausgeschlafen dort an, das wunderschöne Wetter trieb mir mit einer gehörigen Portion Glückshormonen den letzten Rest Müdigkeit sofort aus dem Kopf. Der Bahnhof Kufstein liegt gegenüber der Altstadt fast direkt am Inn, so fällt der Besucherblick sofort auf die berühmte Festung und die umliegenden Gipfel. Doch ich musste mir zunächst etwas Proviant für den Tag besorgen, dann erlaubte ich mir die übliche Kaffeepause in der kleinen, aber hübschen Altstadt. Anschließend strebte ich auf die Festung zu, um von dort oben Fotos von der Stadt, dem Inn und der Bergkulisse machen. Dort gibt es neben dem Schrägaufzug auch eine Treppe hinauf. Diese wollte ich nutzen, doch der Zugang war nur in Verbindung mit einem teuren Ticket für den Festungsbesuch mit allen Museen dort oben möglich. Dafür fehlte mir jedoch die Zeit, ich war ja schließlich zum Radfahren an den Inn gekommen. Doch die nette Dame am Eingang gab mir einfach ein Gratisticket, mit dem ich mal schnell hinauf und hinunter gehen konnte. Vielen Dank dafür, wir kamen dann ins Gespräch und es stellte sich heraus, das sie ursprünglich aus dem brandenburgischen Finsterwalde stammt und seit 20 Jahren glücklich hier in Österreich lebt.

Die Festung ist wegen ihrer exponierten Lage über dem Inntal als jahrhundertelanger Zankapfel zwischen Bayern und Tirol ein bedeutendes historisches Baudenkmal. Der Ausblick ist, wie erwartet, grandios – vor allem an einem solchen Tag.


Doch nun war es Zeit die Radtour zu beginnen, ich fuhr am rechten (Tiroler) Innufer aus der Stadt hinaus nach Norden. Der Inn ist ja auf den nächsten ca. 15 km Grenzfluss, gegenüber liegt das Bayerische Ufer mit dem Grenzort Kiefersfelden. Begeistert von der Flusslandschaft und der Gipfelkulisse der Chiemgauer Alpen vor und neben mir radelte ich durch das Kufsteinerland vorbei an Ebbs, Niederndorf und Erl mit dem markanten Kranzhorn, dem Kienberg und der Sonnenwand. Blickte ich vom Radweg zurück den Fluss hinauf, sah ich über Kufstein zwischen dem Zahmen Kaiser und dem Pendling, die schneebedeckten Gipfelsilhouetten der Kitzbüheler Alpen am Horizont. Gegenüber grüßte der Windbarren über dem bayerischen Flusstal.




In Erl überquert die gedeckte Zollhausbrücke für Fußgänger und Radler, an einem historischem Ort, den Fluss und die Grenze. Diese ist ein Neubau im traditionellen Holzfachwerk und erst seit 2023 eröffnet, nachdem der Vorgängerbau wegen Baufälligkeit gesperrt werden musste. Ich blieb jedoch weiter auf der Tiroler Seite und passierte unmerklich die Grenze erst bei Windshausen. Nun wurde der Blick nach Norden weiter, die letzten Gipfel links und rechts vom Inn wirkten wie Tore hinaus, in das nun folgende Flachland. Das begann etwa ab Nußdorf. Mir gefiel besonders das der Radweg dort, wie schon ab Kufstein und weiter fast bis Rosenheim direkt am Fluss entlangführte. Nun wehte ein kräftiger Wind, der mich mit Tempo 30 und viel Spaß gen Rosenheim blies. Doch es gab an der Strecke auch noch einiges zu entdecken, wie das Schloss Neubeuern über dem gleichnamigen Ort.


Rosenheim erreichte ich gegen 13:00 Uhr und nahm neben der Innbrücke meine Brotzeit, die hübsche Innenstadt sparte ich mir heute (hier war ich erst vor zwei Jahren auf einer Tour am Mangfall-Radweg). Ich wechselte jedoch das Ufer und fuhr nun weiter auf der linken Seite flussabwärts. Ein Blickfang am Rosenheimer Innufer sind die großen Stahlskulpturen, welche an die lange Geschichte der beschwerlichen Innschifffahrt erinnern. Bis vor ca. 150 Jahren wurden Schiffszüge mittels Pferden den Fluss hinauf gezogen. Wenig später querte ich die Mangfall an ihrer Mündung und fuhr dann aus der Stadt hinaus, nun am westlichen Ufer, auf dem Schutzdeich.


Schon ab dort, aber besonders hinter dem Wasserkraftwerk Feldkirchen veränderte sich die Flusslandschaft am sonst meist kanalisierten Inn. Hier gab es eine geschützte Auenlandschaft mit vielen Flussarmen zwischen Rott und Inn. Diese verleitete mich zu einigen Extrakilometern, als ich ein Verbotsschild ignorierte und dann immer weiter auf immer schlechteren Wegen direkt am Inn in eine Sackgasse fuhr. Der nun kaum noch auszumachende Weg endete plötzlich an einem Mündungsarm der Rott. Das war zu erwarten, ich hätte ja nur auf meine Karte schauen müssen… . Fluss von links trifft großen Fluss rechts und nur wilde Auenlandschaft um mich. Da gibt es nur eine Lösung, zurück bis zum Wasserkraftwerk und dann jenseits der Rott weiter nach Norden zu fahren. Diese Unaufmerksamkeit brachte mir 8 Extrakilometer ein, aber auch einem schönen Einblick in die Wildnis (natürlich gab es dort keinen weiteren Radler oder Spaziergänger, doch das fiel mir erst zu spät auf).



Hinter Rott am Inn überquerte ich den Fluss noch einmal, um hinauf über Griesstätt noch ein wenig hoch oben mit Panoramablick über dem Inntal zu fahren. Dabei gab es einige Anstiege zu meistern, ja die ersten des Tages überhaupt. So hatte ich noch ein wenig Abwechslung im sonst leicht zu fahrenden Inntal. Dort blickt man zurück auf das Alpenpanorama über dem Chiemgau, somit gab es einen schönen Abschied von den Bergen.



Gegen 16:00 Uhr erreichte ich dann mein Tagesziel Wasserburg am Inn. Was für eine Traumkulisse bietet doch diese, auf einer Halbinsel über dem Inn gelegene, historische Altstadt! Der Blick von der Innbrücke auf das Brucktor, die Kirchen, die Burg und die erkerbewehrten mittelalterlichen Häuser der Innfront ist von ganz besonderer Anmut. Ich fühlte mich ein wenig an das Großbasler Rheinufer oder das Zürcher Limmatufer erinnert, diese kleine Stadt glänzt aber zudem mit fast italienisch anmutenden Fassadenfarben. Wasserburg wird wohl zurecht auch als die Schönste aller Innstädte bezeichnet.

Für einen ausgiebigen Stadtbummel war leider keine Zeit mehr, da der Bahnhof weit außerhalb der Stadt lag, der Weg nicht ganz einfach zu finden war, mir dazu einen ordentlichen Anstieg zum Abschied bescherte und mein Regio schon 17:12 Uhr mich ab dort mit Umstieg in Grafing zum gebuchten ICE ab München bringen sollte.
Dabei wurde es noch einmal spannend, als ich wegen der kurzen Zeitspanne (5 Minuten zum Umstieg) bei leichter Verspätung um meinen Anschluss in Grafing bangen musste. Glücklicherweise hatte ich mein Rad zufällig in den vordersten Teil des Zuges direkt hinter dem Lokführerstand gestellt und kam mit einem überaus hilfsbereiten Eisenbahner ins Gespräch. Er meinte, das der Zug nach München auch mal gern mit etwas Verspätung in Grafing eintraf und er informierte mich ständig über die aktuelle Situation. Darüber war ich natürlich sehr erfreut. Genau wie von ihm vorausgesagt kam es dann auch, ich schaffte den Umstieg und so auch meinen ICE. Vielen Dank für die Freundlichkeit dieses, übrigens ursprünglich aus Sachsen stammenden, Lokführers.
Nun beende ich diese Reportage gerade beim Richtungswechsel im Leipziger Hauptbahnhof um 22:10 Uhr und blicke auf einen ganz besonderen Radltag zurück: Ich war heute zum ersten Mal überhaupt mit dem Rad in Österreich, das erste Mal auf dem Inn-Radweg unterwegs, sogar trotz unzähliger Alpenurlaube zum ersten Mal in Tirol und habe zudem mit Kufstein einen neuen südlichsten Punkt auf meiner Deutschland-Radwegekarte gesetzt. Ein traumhafter Tag voller Superlative, bestem Wetter, grandioser Fernsicht und viel Spaß an der Strecke liegt hinter mir. Zudem sieht es momentan nach einer pünktlichen Ankunft in Berlin aus, mehr geht nicht oder?